Das Idol

Wie wir uns eigentlich begegnet sind, weiss ich nicht mehr. Nur, dass wir uns jeden Tag nach dem Abendessen trafen, um durch die Stadt zu streifen. Wir, das waren meine Schwester, ich und er. Manchmal schlossen sich uns noch ein oder zwei Mädchen aus der Turngruppe meiner Schwester an. Wir hatten kein eigentliches Ziel, meistens landeten wir in einem der kleinen Parks der Stadt. Er redete ununterbrochen. Wir hörten zu. Manchmal hatte er noch seinen kleinen Bruder dabei. Ich erinnere mich, wie wir einmal mit seinem Feuerzeug als Scheinwerfer, nach 50 Pfennig suchten, die der Kleine verloren hatte. Wir leuchteten die Wege ab, bis das Geld gefunden war.

Dann wurde es wahrscheinlich Winter, denn wir sahen uns nicht mehr. Schliesslich tauchte er eines Tages wieder auf, in unserer liebsten Location, zum tanzen. Tanzen war unsere Leidenschaft. Eines Tages erzählte er mir mit einem Strahlen, dass er nach K. gezogen sei, um dort Erzieher zu werden und für ihn ein neues Leben geginne, fern von den Kleinstadtspiessern.

Den kommenden Sommer verbrachten meine Freundin H. und ich in dem vor der Stadt gelegenen Hexenhäuschen von Freunden, die verreist waren. Nachts schliefen wir in Alkovenbetten und die Tage verbummelten wir im riesigen Garten, redend, lesend, grasrauchend oder einfach nur in der Hängematte schaukelnd. Er hatte für den Sommer scheinbar auch nichts vor, denn wir sahen ihn täglich, wenn er auf seinem Weg in den Ort an unserem Garten vorbei musste. H. fragte ihn, wo er hingehe. Er meinte, er hole nur Zigaretten, die es in dem Zigarettenautomaten des Vorortes, wo seine Leute wohnten, nicht gäbe. Sein tägliches Erscheinen am späten Nachmittag, war der Höhepunkt des Tages. "Hast du schon einmal einen so schönen Mann gesehen?" frage mich H. "Er ist unser Idol." Sie versuchte ihn in Gespräche zu verwickeln. Meistens blieb er nur kurz stehen, lächelte milde, gab ein paar Bonmonts zum besten und verabschiedete sich. Ich wünschte mir nichts mehr, als dass er zu uns in den Garten käme. Wir sahen mehr als nur passabel aus und hielten uns für brilliant. Elite, wie H. immer sagte. Unsere Freunde kamen zurück und es gab ein grosses Fest mit offenem Feuer, Musik, Wein und alle kamen. Auch er kam wieder vorbei, dieses Mal auf dem Heimweg. Ich ging ihm nach und bat ihn, doch bei unserem Fest dabeizusein. Er schüttelte nur lächelnd den Kopf.

Eines Tages sagte H. zu mir: "Rate mal, wer gestern in den Storchen kam, und aussieht wie Marlene Dietrich?" "Er nennt sich jetzt Sacha, ist in Berlin und wir haben den ganzen Abend geredet. Was für ein Auftritt. Du hast was verpasst." Ich war gleichzeitig froh und enttäuscht, nicht dort gewesen zu sein.

Ein paar Jahre später war er wieder hier, es hiess es ginge ihm nicht so gut, er ruhe sich etwas bei seinem Vater aus. Er lief mir ständig über den Weg, versuchte ein Gespräch. Er war mir fremd geworden. Vielleicht wollte ich nur nicht reden, es ging mir nämlich auch nicht besonders. Ausgeschaut hat er wie immer. Ich begann die Stadt am Nachmittag zu meiden. Aber er sass in meiner abendlichen Anlaufstelle für 2 Gläser billigen Weisswein. Begrüsste mich als Schöne Frau und sah mich dauernd an. Ich meine, er schaute mich richtig an. Seine Komplimente und Flirterei war mir unangenehm. Auch wollte ich nicht, dass er mir zusah, wie ich mich langsam betrank. Aber ich war ja nicht mehr lange am Ort. Als ich H. von diesen Begegnungen erzählte, meinte sie: "Er hat seinen Glanz für dich verloren."

Ich war schon ein paar Jahre in München, als ich Post von H. bekam, mit einem ausgerissenem Artikel aus einem Magazin. Es war von ihm die Rede. Von Travestieshows, Drogen, Prostitution, Amsterdam, Gefängnis und dem Wunsch nach einer operativen Geschlechtsumwandlung. Fotos waren auch zu sehen. Er, nackt, lasziv posierend, mit weggeklemmtem Penis. Keine Ahnung, warum er mir jetzt plötzlich wieder in den Sinn kam. Jahrelang habe ich nicht mehr an ihn gedacht.

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