Andre Agassi vergleicht das Leben als Tennispieler auf der Profitour mit
einem reißenden, erregenden, grauenhaften, überraschenden Strudel. Dasselbe könnte man auch über seine Autobiografie sagen.
5 Millionen Dollar Vorschuss soll Agassi angeblich erhalten haben. Dass er dafür mehr als nur ein paar Tennisanekdoten erzählen würde, war also schon im Vorfeld klar.
Weil ihn der autobiografische Roman
The Tender Bar von J.R. Moehringer so beeindruckte, bat er den Pulitzer-Preisträger, auch sein Leben zu erzählen. Zu seiner Überraschung stimmte dieser zu.
Den Jungen aus Las Vegas mit der wilden Frisur und den verrückten Tennisklamotten hatte ich schon fast vergessen gehabt. Ich kannte nur noch den Mann, der in jeder Hinsicht ein Vorbild ist. Den grossen Champion, den Wohltäter, die lebende Legende Andre Agassi.
Anderen muss es ähnlich gegangen sein, sonst wären sie vielleicht nicht so geschockt von Agassis Bekenntnissen gewesen. Die Legende hasst Tennis und hat Crystal Meth konsumiert. Und am allerschlimmsten, er hat die ATP belogen, als ihm nach einem positiven Dopingtest eine mehrmonatige Sperre drohte.
Agassi war überrascht über die vielen negativen Reaktionen. Er hatte mit Mitleid und Verständnis gerechnet. Tatsächlich trägt seine Kindheit Dickens'sche Züge. Der unerbittliche Vater, die harte Realität in der Tennisakademie von Nick Bollettieri, die Einsamkeit hinter dem Glamour.
Man kann ein Kind bestimmt manipulieren, man kann es vielleicht sogar zwingen Tennis zu spielen, aber man kann es sicher nicht zwingen
gut Tennis zu spielen. Agassi hat den manischen Perfektionismus seines Vaters schon früh verinnerlicht. Niederlagen schmerzen ihn mehr, als ihn Siege erheben.
Aber Agassi kann sein Leben nicht geniessen. Sogar seine Beziehung zu Brooke Shields depimiert ihn. Er beneidet sie um den Enthusiasmus, mit dem sie ihrem Beruf nachgeht und vermisst bei ihr Verständnis für seinen. Ausgebrannt wie er ist, lässt er sich von einem seiner Angstellten dazu überreden, das euphorisierende Crystal Meth zu probieren.
Es geht weiter abwärts mit dem Tennis. Sein immer loyaler Coach Brad Gilbert, will hinschmeissen. Er setzt Agassi ein Ultimatum. Ausgerechnet als er dabei ist, sein Leben zu ändern, bekommt er den positiven Drogenbescheid. Die ATP akezptiert seine Notlüge. Er kann weitermachen.
Agassi schafft ein grandioses Comeback. Findet privates Glück mit Steffi Graf. Endlich kann er seinen nicht frei gewählten Beruf akzeptieren und sich selbst respektieren. Schon länger weiss er, dass anderen helfen, ihn mehr befriedigt als Tennis. Er spielt so lange es körperlich geht, um so viel Geld wie möglich für seine Stiftung und seine Schule in Las Vegas zu verdienen.
Mit Moehringer hat Agassi einen genialen Autor für seine Lebensgeschichte gefunden. Wann hat man zuletzt so packende Tennisszenen beschrieben bekommen? Allein sie machen das Buch zu einer aufregenden Lektüre. Dazu erhält man Einblicke in die Gefühlswelt eines Leistungssportlers und die Rivalität dieser modernen Gladiatoren.
Für Agassi muss es eine Befreiung gewesen sein, endlich offen über sein Leben zu erzählen. Er hätte schweigen können oder sich selbst beweihräuchern. Aber er glaubt fest an Weiterentwicklung durch Lernen, dass seine Erfahrungen anderen Menschen Mut machen können und dass selbst schwierigste Lebenskrisen überwunden werden können.
Ich bereue nur, dass ich das Buch erst jetzt und nicht im amerikanischen Original gelesen habe. Immer wieder bin ich über Worte gestolpert, die mir unsinnig vorkommen. So wurde
Graveyard of the Champions mit
Favoritengrab übersetzt. Dabei sagt man im Deutschen seit ich denken kann
Friedhof der Stars dazu.
Vergessen habe ich zu erwähnen, wie lustig das Buch immer wieder ist. Ich habe oft lachen müssen.