Boris Becker wusste nichts von
Gottfried von Cramm, als er mit 17 ausgerechnet am Geburtstag des inzwischen nicht mehr lebenden Barons seinen ersten Wimbledon-Sieg feierte und meinte, Deutschland hätte nie ein Tennisidol gehabt. Von Cramm gewann unter anderem zwei Mal Roland Garros und stand dreimal im Finale von Wimbledon und hat 102 Spiele (!) im Davis Cup für Deutschland ausgetragen. Davon 82 gewonnen.
Wer will schon einen 17-jährigen tadeln. Ich kann mich auch nicht erinnern, wann ich zum erstenmal vom Tennisbaron hörte. Am ehesten war es während einer Tennisüberübertragung im Fernsehen, die
Hans-Jürgen Pohmann kommentierte. Der ehemalige Davis-Cup-Spieler erzählte gern mal von der glorreichen Vergangenheit.
Umso überraschender finde ich es, dass in den USA gerade ein Buch mit dem Titel
A Terrible Splendor erscheint,
Steve Tignor und die Bloggerin von
Gototennis berichten ausführlich darüber, in dem Gottfried von Cramm eine Hauptrolle spielt. Es geht um ein Halbfinale im Davis-Cup, ausgetragen 1937 in Wimbledon. Das entscheidende Einzel spielten für Deutschland Gottfried von Cramm und
Donald Budge für die USA.
Dieses Match gilt auch heute noch als das beste aller Zeiten. Ich will das gerne glauben, denn das letztjährige Wimbledon-Finale zwischen Federer und Nadal kann es nicht sein. Das pikante an dem Davis-Cup-Match, ist auch der geschichtliche Hintergrund. Es wird kolportiert, dass Hitler persönlich von Cramm vor dem Match angerufen habe, um ihm klarzumachen wie wichtig es für Deutschland sei, dass er gewinnt.
Natürlich ist das nicht zu belegen. Von Cramm hat es nie bestätigt. Allerdings hat er das Match auf dramatische Art und Weise verloren. Ob ihm ein Sieg bei den Nazis geholfen hätte, wage ich zu bezweifeln. Man wartete nur darauf, ihm was anzuhängen. 1938 wurde er von Gestapo verhaftet und wegen Verstosses gegen den Paragraphen 178 zu einem Jahr Haft verurteilt. Er soll bis 1936 eine Beziehung zu dem Juden Manasse Herbst gehabt und diesem mittels Geld die Flucht aus Deutschland ermöglicht haben. Nach der Haft wurde er an die Ostfront abkommandiert.
Gottfried von Cramm konnte kurz vor Kriegsende in Schweden Zuflucht finden und hat nach dem Krieg wieder erfolgreich Tennis gespielt. 1947 und 1948 wurde er sogar zum Sportler des Jahres gekürt. Als er 1955 die amerikanische Kaufhauserbin
Barbara Hutton heiratete, kam er nochmal in die Schlagzeilen.
In den 30er-Jahren war von Cramm neben Max Schmeling der populärste deutsche Sportler und wäre es vielleicht wie dieser bis in unsere Tage geblieben, wenn er ähnlich wie der grosse Box-Champion mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten wäre und vor allem länger gelebt hätte. Gottfried von Cramm kam schon 1976 bei einem Autounfall auf einer Geschäftsreise in Kairo ums Leben. Er wurde 67 Jahre alt.