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Es war einmal in Paris.
Ein 18 Jahre junger, noch unfertiger Russe mit dem klingenden Namen Marat Safin, sitzt im Interviewraum in Roland Garros. Vor ein paar Tagen erst hat er meine Lieblinge Agassi und Guga Kuerten, den Titelverteidiger, aus dem Turnier geworfen. Schon heisst es, er sei die Zukunft des Tennis. Ich mochte ihn nicht.
Zwei Jahre später. Die US Open im Fernsehen. Wieder ein Interviewraum. Dieses Mal in Flushing Meadows. Safin hat eben im Finale Pete Sampras besiegt. Fast hätte ihm in der 2. Runde Gianlucca Pozzi, ein älterer Journeyman, einen Strich durch die Rechnung gemacht. Grosjean war dann noch härter. Aber jetzt liess ein glücklicher Champion Canapés und Champagner für die versammelten Journalisten auffahren. Nie mehr habe ich später einen so lockeren und fröhlichen Marat Safin gesehen.
Er hätte dann ein Jahr lang Party gemacht, wird sogar heute noch behauptet. Ich glaube nie, was über einen Spieler gesagt wird. Ausser, er sagt es selbst. Eine Dauerparty kann es nicht gewesen sein, wenn man sich seine Ergebnisse für das
Jahr 2001 anschaut. So hat Marat Safin schnell ein Image verpasst bekommen, das am Ende fast wirklicher erscheint als er selbst.
Safin hatte nie Lust den Erwartungen zu entsprechen. Am deutlichsten wurde das bei den Australian Open 2002. Der Kommentator von Eurosport wurde nicht müde zu erzählen, wie viel Lärm jede Nacht aus der Suite des Russen kommt. Seine Partygefährtinnen konnte man auf der Tribüne sitzen sehen. Zumindest eines durfte man feststellen. Subtile Schönheit ist nicht unbedingt wichtig, um als Frau bei dem Russen anzukommen.
Das Finale hat er dann verloren. Weder vorher, noch nachher habe ich einen so offensichtlich verkaterten Spieler auf dem Platz stehen sehen. Es war einfach nur jämmerlich anzusehen. Man erinnert sich heute nicht an den Sieger dieser Australian Open. Man erinnert sich nur daran, wie Marat den Sieg verschenkt hat.
Kann ein Mensch zuviel Charisma haben? Wenn er unscheinbarer gewesen wäre, würde keiner behaupten, er hätte zu wenig im Tennis erreicht.
15 Karrieretitel, davon 2 Grand-Slam-Titel und 5 Masters-Series-Siege, 2 Mal Davis-Cup-Champion mit Russland und über 14 Millionen Dollar Preisgeld sind die Bilanz. Die Nummer eins war er auch.
Ein
Head Case nennen ihn die Amerikaner. Ein passendes deutsches Wort fällt mir dafür nicht ein. Es kann nicht jeder ein Streber sein. Es gibt immer einen anderen, der bereit ist mehr zu opfern. Marat konnte und wollte sich nicht verbiegen. Vielleicht erinnern sich einige an die Geschichte mit dem Nilpferd, die er eines Tages erzählte:
"I'm not fighting with myself. Oh, my God. That's how I am. You know the story of the hippo? The hippo comes to the monkey and said: 'Listen, I'm not a hippo.' So, he paint himself like a zebra. He said, 'But he's still a hippo.' He said, 'But look at you, you're painted like a zebra but you are a hippo.' So then he goes, 'I want to be a little parrot.' So he puts the colours on him and he comes to the monkey and said, 'Sorry, but you are a hippo.' This is who I am and he's happy being a hippo."
Zwei grössere Zäsuren gab es bei ihm ein. Anfang 2003 eine Handgelenksverletzung und Mitte 2005 die heikle Knieverletzung, die wahrscheinlich das Ende einläutete. Davor hatte er im Januar 2005 die Australian Open dann endlich gewonnen. Unvergessen das Halbfinale gegen Roger Federer. Wohl eines der besten Matches aller Zeiten.
Was folgte, war irgendwann nur noch eine Art von Agonie. Marat schaffte es zwar hin und wieder zu zeigen, wozu er imstande ist. So stand er 2008 völlig überraschend im Halbfinale von Wimbledon. Es sei langsamer gewesen als sonst, meinte er lakonisch.
Es begann in Paris und es wird in Paris enden. In Bercy spielt er sein letztes Match. Es wird ein etwas trauriger Tag sein. Sein Tennis, sein Charme, seine Gutmütigkeit, sein verlegenes Lächeln, die Interviews mit den typischen Bonmots werden mir fehlen. Marat Safin hat mehr gegeben, als ihm vielleicht bewusst ist.